19. Juni 2008...2:40

Alphablödsinn: Feminismus ohne Ziel und Zähne

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Es ward nicht schlecht staunen, als die gestrige Online-Ausgabe der TAZ mich auf die Nähe von Charlotte Roche zur feministischen Bewegung aufmerksam machte. Die Charlotte Roche, die mit ihren Blechklunkern im Gesicht bei VIVA das minderjährige Fernsehpublikum mit Popmusik bedudelte, bevor sie versuchte, mit Lesungen über autoerotische Unfälle älterer Männer, die unter Zuhilfenahme eines Staubsaugers onanierten, auf sich aufmerksam zu machen. Zwischendurch laß die Dame auch mal aus der Bild-Zeitung, versuchte sich an der Seite des Arztes Bela B. erschreckend offenkundig ohne jegliches Talent als Sängerin und machte jüngst mit einem Porno namens „Feuchtgebiete“ von sich reden. Eine Vita, die auf einen pathologischen Geltungsdrang hindeutet. Warum sie dafür als Vertreterin irgendeiner feministischen Bewegung geehrt wird, bleibt rätselhaft.

Lisa Ortgies ward einst Moderatorin der WDR-Sendung Frau-TV, ein Format dass seine ZuschauerInnen mit Themen wie „Beruf:Hexe“, „Traummann gesucht“, „Männer und Einkaufen“ oder „Telefonsex“ zu unterhalten versuchte. Dass Frau-TV dabei auf Kochrezepte, Diäten und Schmink-Tips verzichtete mag daran gelegen haben, dass man der Zeitschrift „Brigitte“ keine Konkurrenz machen wollte. Daher rieb ich mir ungläubig die Augen, als die Urmutter des deutschen Feminismus, Alice Schwarzer, die Moderatorin von Frau-TV zur Chefredakteurin der Institution EMMA berief. Der Posten ist nach dem Rauswurf von Boulevard-Lisa jetzt wieder vakant und die großen Zeitungen haben alle kräftig auf die Alice eingedroschen(TAZ: „Radikalfeministin“, „Unfehlbarkeitsdogma“, FAZ: „rasende Selbstverliebtheit“, „Egomanie“). Sicher, es war ein Fehler, dass Alice Schwarzer die Fähigkeiten und die Leistungsbereitschaft von Lisa Ortgies so deutlich überschätzt hatte. Aber wenigstens hat sie ihn erkannt und korrigiert.

Der Vorfall offenbart die systemische Krise des Feminismus, wenn sich nach Schwarzer einfach keine mehr findet, die das Ruder bei EMMA übernehmen könnte. Weil aus den politischen, kämpfenden Feministinnen über Nacht angepasste Pop-Tussis, Girlies und Alphamädchen geworden sind. Letztere tragen dabei ihre Kapitulation vor dem Patriarchat schon im Namen und führen fort, was Verena Feldbusch-Poth in jenem unerträglichen „Fernsehwettstreit“ bei Johannes „Boulevard“ Kerner Alice Schwarzer entgegenschleuderte: Ich bin jung, hübsch und sexy und deshalb eine beliebte Frau. Zum kotzen findet das offenbar kaum noch eine, denn in Scharen rennen die jungen Frauen zu menschenverachtenden Fernsehsendungen, wie deutschlands Top-Model oder „The Swan“, wo dem häßlichen Entlein vor laufender Kamera die Zähne rausgerissen werden um ein auf Normschönheit optimiertes Gebiss zu implantieren. Mehr Silikon, mehr Haut, mehr Jugend, dass ist der neue Feminismus, dem die Kolumnisten wohlgesonnen sind. Denn sie mögen Frauenbewegungen, solange sie schön rhythmisch sind. Und so schmücken sich die Alphamännchen, von Joschka Fischer bis Johannes Rau, sicher vor jeglicher Kritik, mit dreißig Jahre jüngeren Weibern ohne sie dafür zu bezahlen.

Die gnadenlose Reduktion der Frau auf ihre sexuelle Ausstrahlungskraft, eine Kraft, die immer auch Jugendlichkeit bedingt, ist für die neuen Feministinnen offenbar kein Problem. Man bezeichnet sich lieber als Mädchen, statt als Frau. Denn Frauen sind alt, und alte Weiber findet man in keinem Kinofilm, in keinem Werbespot und in keinem Musikvideo. Freche Mädchen sind angesagt, wobei frech ein Synonym für Tättowierungen oder Blechknöpfe im Gesicht ist, aber nicht für das Aufbegehren gegen sexuelle Ausbeutung und gewaltsame Unterdrückung.

Wenn ich an eine Literatin denke, die sich als Feministin verdient gemacht hat, fällt mir Elfriede Jelinek ein, aber bestimmt nicht Charlotte Roche. Ob Frau Jelinek aber eine Sendung bei VIVA übernehmen würde, um die kommende Generation junger Frauen gegen den „Bachelor“ und die Hungermodels zu wappnen, darf bezweifelt werden. Daher erheben wir unsere Gläser auf die Frauen, die wir so gerne unter uns haben.

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