14. April 2009...8:01

Freiheit für Nadja Benaissa!

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Die Pop-Sängerin Nadja Benaissa wurde wegen des Verdachts, eine schwere Körperverletzung begangen zu haben, arrestiert. Ihr wird vorgeworfen, wofür man vor ihr schon einige hinter Schloss und Riegel brachte. Die No Angels Sängerin hat vor dem Geschlechtsverkehr ihre HIV-Infektion verschwiegen. Ein Skandal und Anlass die AIDS und HIV-Problematik zu diskutieren.

Lange Zeit wurde das Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) als reine Schwulenkrankheit betrachtet. Doch seit den Aufklärungskampagnen der späten 80er Jahre wissen wir, dass AIDS, da bevorzugt durch Geschlechtsverkehr übertragen, eigentlich nur die Krankheit der Promisken ist. Oder besser gesagt, der Promisken, die für ihren persönlichen Lustgewinn ungern ein schützendes Kondom verwenden. Weil die Sexualität uns Primaten aber ein so unglaublich wichtiger Zeitvertreib ist fühlen wir alle uns vom HI Virus in allen Lebenslagen bedrängt und verfolgt. Deshalb gibt es eine unüberschaubare Vielzahl von Anti-AIDS-Kampfgruppen, AIDS-Kongressen, AIDS-Galen, AIDS-Stiftungen und Solidaritätssymbolen.

Das rote Band, dass seinen Träger als aufgeklärten, panikfreien AIDS-Erkranktenliebhaber auszeichnet, wird zu vorbezeichneten Anlässen gerne von Politikern, Künstlern und allen möglichen anderen Leuten herumgetragen. Die Vorschläge zum Umgang mit an AIDS Erkrankten der 80er Jahre, wie eine namentliche Meldepflicht, ein zentrales Melderegister, eine an der Stirn aufgebrachte Tättowierung oder andere Identifizierungsmaßnahmen sind nicht zuletzt dank der red ribbon campaign von breiten Schichten der Bevölkerung als entwürdigend verworfen worden. Zuletzt gab die indonesische Regierung ihre Pläne auf, HIV-Infizierten einen Mikro-Chip unter die Haut zu implantieren, um die Verseuchten überwachen um vom Geschlechtsverkehr abhalten zu können. Die Benetton-Kampagne, die einen nackten Popo mit den aufgestempelten Buchstaben HIV darstellte, sorgte für breites Entsetzen, weil unsere hochentwickelte Gesellschaft eine derartige Stigmatisierung der Betroffenen ablehnt.

Um so verwunderlicher ist es, dass niemand sich über die Inhaftierung HIV-Infizierter erregt, die vor dem Geschlechtsverkehr ihre Partner nicht über die Infektion aufgeklärt haben. Darin sieht der BGH doch tatsächlich tatbestandsmäßig eine „Gefährliche Körperverletzung durch eine die Gesundheit schädigende Behandlung“. Nun muss man als Geschlechtsverkehrender wissen, dass mit dem intimen Liebesakt, bedingt durch die unvermeidliche Nähe und den Austausch von Körperflüssigkeiten, auch immer ein gewisses Infektionsrisiko verbunden ist. Daher erkranken Eheleute fast immer gemeinsam an Husten, Schnupfen, Syphillis oder der schwarzen Lungenpest. Das hat aber noch keinen Liebenden dazu bewogen, seinen Partner wegen Körperverletzung zu belangen, wenn er nach dem Blasen einen Lippenherpes bekommen hat und infolge dessen auch keinen Richter, ein entsprechendes Urteil zu fällen. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Krankheiten die mit einem einzigen Kuss übertragbar wären und binnen kurzer Zeit zum Tode des Geküssten führen könnten. Die Lungenentzündung sei hier als Beispiel ins Felde geführt. Das sich nach dem Sex bei erfolgter Befruchtung gewisse Gewährleistungsansprüche ergeben, mag dem juristischen Laien ja noch einleuchten. Aber das man demnächst aus formaljuristischen Gründen ein Schild mit der Aufschrift „Poppen auf eigene Gefahr“ oder „Kann Spuren von Erregern enthalten“ tragen muss, um sich nach einem Stelldichein nicht hinter schwedischen Gardienen wiederzufinden, ist dem liebeshungrigen Volk doch wohl kaum vermittelbar. Darüber hinaus ist die Aufklärungspflicht eines Infizierten auch noch einigermaßen praxisfremd. Wer würde schon daran denken, nach dem Disko-Besuch morgens um drei mit 23 Bier und 10 Doppelkorn intus einer nicht minder besoffenen, abgeschleppten Tussi seine Krankheitsgeschichte zu erläutern?

HIV wird eben, von ein paar verseuchten Blutkonserven abgesehen, ausschließlich durch Geschlechtsverkehr übertragen und ist uns Primaten daher besonders unheimlich. Wir wissen, dass häufig wechselnde Geschlechtspartner das Infektionsrisiko nicht nur beträchtlich erhöhen sondern eine Infektion überhaupt erst möglich machen. Denn zwei Menschen, die sich jungfräulich im Teenager-Alter miteinander verbinden, sich ewig treu bleiben, könnten ihr ganzes Leben lang alle möglichen Schweinereien ungeschützt praktizieren ohne eine Infektion befürchten zu müssen. Zwar leben wir fast alle treu und monogam, aber bei genauer Betrachtung doch nur für einen bestimmten Zeitraum, weshalb der Anthrpologe das menschliche Bindungsverhalten als multisequenzielle Monogamie bezeichnet. Je nach Länge dieses Zeitraums kann damit vom wechselhaften Liebesleben bis zur Fickorgie so ziemlich alles gemeint sein. Und weil unser Primatengehirn darauf programmiert ist, unsere Gene möglichst weit zu verbreiten, finden wir viele, wechselnde Geschlechtspartner gut. Sogar die Schwulen, obwohl denen die Verbreitung der Gene eigentlich am Arsch vorbei gehen könnte. Und deshalb tun wir alles, um die Seuche AIDS einzudämmen.

Seit der offiziellen Anerkennung als Krankheit 1981 starben weltweit etwa 25 Millionen Menschen an AIDS, jedes Jahr fordert das HI-Virus etwa 2,5 Millionen Tote. Die UN-AIDS-Konferenz forderte 2006 in ihrer in New York vorgelegten Abschlusserklärung jährliche Finanzmittel von 23 Milliarden US-Dollar (pro Jahr) für den Kampf gegen AIDS.

Das die Vereinten Nationen weltweit 100.000 Tote pro Tag durch Hunger zählen (multiplizieren Sie diese Zahl mal mit 365 Tagen), sorgt für keine sonderliche Unruhe. Auch wenn Liebe durch den Magen geht. Das ist aber ganz normal, denn jeder von uns weiss, wie schrecklich sich ein Kondom anfühlt. Wie schrecklich sich Hunger anfühlt ist uns dagegen völlig unbekannt. An eine Umverteilung der Finanzmittel zu Gunsten der Hungerhilfe ist daher in absehbarar Zeit wohl nicht zu denken.

Aber wenigstens die Nadja könnt ihr rauslassen. Die wollte bestimmt niemanden verletzen, sondern konnte nach dem Disko-Besuch die Worte „erworbene Immunschwäche“ einfach nicht mehr aussprechen und damit ihrer Aufklärungspflicht auch nicht nachkommen. Wenn der Staat schon Millionenbeträge in AIDS-Aufklärungskampagnen pumpt, dürfen wir dafür wohl auch ein gewisses Maß an Eigenverantwortung von Nadjas Besteiger erwarten.

6 Kommentare

  • In Anbetracht der Tatsache, dass sogar trotz Nutzung von Verhütungsmitteln die Chance für eine Infizierung besteht, sollte der Geschlechtsverkehr infizierter Menschen an sich problematisiert werden, so die Infizierten um ihre Krankheit wissen.
    Der Umstand einer Verbindung mit dem Triebleben, der die Sexualität des Menschen mit einem Hauch von Unabwendbarkeit ausstattet, verschleiert die Tatsache, dass jeder Mensch, neben der Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse, immer noch ein vernunftbegabtes Wesen ist. Es wäre einfacher für uns einen Fall zu bewerten, den keine – so verstanden – biologische Notwendigkeit begleitet.

    Das Wort Eigenverantwortung stammt aus einem Kontext, der als „Verantwortung“, die Würde des Anderen berücksichtigend, immer auch die eigene Würde anerkannt wissen will. So gesehen kann die jeweilige Eigenverantwortung keine „bösartige“ oder fahrlässige Handlung dem Eigenverantwortlichen gegenüber mitverantworten. Hier wurde anscheinend das Konzept der Eigenverantwortung missverstanden.

    pathoblogus.wordpress.de

  • Hallo Pathoblogus,

    ich will den Artikel nicht so verstanden wissen, als wolle ich den Geschlechtsakt zur biologischen Notwendigkeit umdefinieren. Viel mehr geht es mir im Kern um diesen verrückten AIDS-Hype, der aus meiner Sicht entstehen konnte, weil HIV quasi ausschließlich durch den Sexualverkehr übertragen wird. Anderen tödlichen Gefahren (Krankheiten, Hunger) wird weit weniger Aufmerksamkeit zuteil obwohl ihre Auswirkungen sehr viel gravierender sein können. Wenn ich mir die Kommentare vieler „Nadja hat die Seuche“-Artikel durchlese, muss ich an der Vernunftbegabung einiger Menschen ernsthafte Zweifel anmelden.

    Eigenverantwortung ist die Verantwortung für sich selbst. Da zum Verkehr immer mindestens Zwei gehören will mir nicht einleuchten, wieso der Kläger versucht, die Verantwortung für die Infektion auf die Beschuldigte allein abzuwälzen. Insbesondere das der BGH dieses Vorgehen durch sein Urteil unterstützt finde ich skandalös. Ganz besonders, weil hier nur die HIV-Infektion hervorgekehrt wird. Was für eine Infektion gilt muss letztlich für alle Infektionen gelten (zumindest für alle mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen). Letztlich resultiert daraus ein Anspruch des Geschlechtspartners auf ein keimfreies Gegenüber. Da das aber niemand sicher garantieren kann, muss aus meiner Sicht jeder Partner das potenzielle Risiko allein tragen.

    Zur Verdeutlichung:
    Herr A hat eine leichte Lungenentzündung, ist aber kräftig geug um sich in der Apotheke ein Medikament zu kaufen. In der Apotheke verliebt er sich in Frau B, küsst sie an Ort und Stelle und infiziert diese mit seinen Pneumokokken. B erkrankt infolge dessen an einer Lungenentzündung, die bei ihr jedoch einen weit schwereren Verlauf nimmt als bei A. B stirbt. Kann A jetzt wegen Totschlags belangt werden, weil er vor dem Kuss B nicht auf seine Infektion aufmerksam gemacht hat?

  • Abgesehen von einer sicherlich vorhandenen Mitschuld Nadja Benaissas muss doch jedem ihrer Lover ihr biographischer Hintergrund bekannt gewesen sein (Drogenszene als Teen). Das war jahrelang öffentlich breitgetreten worden. Das Wissen allein lässt doch den Mann zum Gummi greifen. Macht man(n) aber nicht, „weil es ja so ein geiles Gefühl ist ohne“, bzw. weil in einer Affaire den nächsten Kick gibt: „ab jetzt ohne“.

    Und in der Hitze einer sexuellen Affaire sagt eine Frau doch auch nicht „nein“ wenn plötzlich der Mann fragt: „machen wir ab jetzt ohne?“ – oder offenbart sich und steht ohne Lover da?

    Die Verantwortung lag also auch bei ihren Liebhabern.

    Überhaupt: Der Staat soll sich bittesschön auch aus den Betten der Bürger raushalten.

    Die Sprüche in anderen Blogs oder Kommentare zu diversen Nadja youtube videos zeigen außerdem, durch diese Affaire wird ein ganz übler Rassismus losgetreten. Tenor: Migranten und „Multikulti“ sind Träger einer „Volksverseuchung“ – da helfe nur „alle wegsperren für immer“.

    Wer eignete sich für solche Projektionen geiler aber ängstlicher Kleinbürger besser als das Bild der gefährlichen, dunklen, sexuell mächtigen Frau“, zu dem hat Frau Benaissa auch noch einen muslimischen Hintergrund….

    In Krisenzeiten lenkt man das Volk ohnehin gern mit allerlei Kurzweil ab, …am besten mit einer öffentlichen Hexenverbrennung.

  • Ich bin auch der Meinung, dass Rassendiskriminierung oder Verhetzung aus der Sache rausgehalten werden sollen. Dennoch finde ich dass hier das Prinzip Eigenverantwortung überstrapaziert wird. Niemand kann eine böswillige Affektion – oder zumindest fahrlässige – durch eine andere Person mit in seine Handlungen einplanen, dann könnte man keinen Fuß mehr vors Haus setzen. Übrigens ist das mit den anderen Krankheiten garnicht so weit her. Zum Beispiel bei Tuberkuloseerkrankungen herrschen ziemlich strikte Auflagen. Bei einer Lungenentzündung kann man, wie du sagst natürlich auch einen schlimmen Krankheitsverlauf haben, manche Menschen sterben an einer einfachen Grippe. Aber die HIV-Infektion ist da wohl doch ein wenig ernster, oder?
    Das mit der Eigenverantwortung ist so ein Konzept, das die meisten Menschen anstimmen um sich – eben – aus der Verantwortung zu ziehen, was aber, wie man sieht, nicht funktioniert; die Gesellschaft ist ein Miteinander und kein Alleinsein, denn auch die Eigenverantwortung ist letztlich eine Verantwortung anderen gegenüber. Versteht ihr was ich meine?

  • Schön, zu lesen, dass du wieder Zeit für unnützen Kram hast… ;-)
    Haus und Kind lasten dich wohl nicht mehr aus?
    Zu deinem Posting: schön polemisch, wie immer. Und der Trugschluss, der Mensch könnte verantwortlich handeln… wer RTL2 schaut, sollte eigentlich von der Illusion befreit sein, dass der Mensch die Krone der Schöpf…, Evolution ist.
    Bis bald bei Euch zum Grillen,
    Philipp


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